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Virus der Angst

NEW YORK – Im September 1923 verwüstete das „Große Kanto-Erdbeben“ weite Teile von Tokio, vor allem infolge von Feuerstürmen, die ausgelöst wurden. Gerüchte ‒ die oft in populären Zeitungen wiederholt wurden ‒ machten die Runde, in denen behauptet wurde, die Koreaner, eine verachtete und arme Minderheit, wollten die Katastrophe ausnutzen und eine gewalttätige Rebellion anzetteln. Japanische Bürgerwehren, bewaffnet mit Schwertern, Bambusspeeren und sogar Gewehren, griffen dann jeden an, der koreanisch klang oder aussah. Bis zu 6.000 Menschen wurden ermordet, während die Polizei zuschaute und manchmal auch mitmachte.

Dabei handelt es sich nicht um ein Phänomen, das auf Japan beschränkt ist. Mobs, die missliebige Minderheiten massakrieren, sind nach wie vor nur allzu häufig anzutreffen. Als Hindus vor kurzem in Delhi anfingen Muslime zu ermorden, war die indische Polizei ebenso passiv, oder schuldig, wie die japanischen Behörden 1923. Man muss nicht weit in die europäische oder amerikanische Geschichte zurückgehen, um ähnliche oder noch schlimmere Fälle von Lynchjustiz und Massenmord zu finden.

Irrationale Gewalt entsteht oft aus Panik. Und Panik kann leicht während einer Gesundheitskrise oder nach einer Naturkatastrophe entstehen. Der Mangel an wahrheitsgetreuer öffentlicher Information kann Verschwörungstheorien nach sich ziehen, die tödlich enden, wenn sie von Politikern oder den Medien vorsätzlich geschürt werden.

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