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Europa droht, die geldpolitische Straffung zu übertreiben

LONDON – Nach einer Reihe drastischer Zinserhöhungen durch die US-Notenbank und die Europäische Zentralbank geht die Gesamtinflation in den USA und im Euroraum rasch zurück. Die geldpolitischen Entscheidungsträger auf beiden Seiten des Atlantiks haben jedoch deutlich gemacht, dass sie noch nicht am Ziel sind. Werden sie zu weit gehen?

Die Kerninflation, die in den USA und im Euroraum immer noch bei rund 5 % liegt, gibt weiterhin Anlass zu großer Sorge. Die Notenbanker befürchten, dass die hohe Kerninflation (ohne Nahrungsmittel- und Energiepreise) angesichts des robusten Arbeitsmarktes eine Lohn-Preis-Spirale und eine Entkopplung der Inflationserwartungen auslösen könnte. Wie wir in den 1970er-Jahren gesehen haben, könnte dies dazu führen, dass es sehr schwierig – und teuer – wird, die Inflation unter Kontrolle zu halten, und dass die Zentralbanken vor der Herausforderung stehen, ihre verlorene Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen.

Vor diesem Hintergrund scheinen die politischen Entscheidungsträger zu dem Schluss gekommen zu sein, dass die Risiken, zu wenig zu tun, um die monetären Bedingungen zu straffen, einfach zu hoch sind, und dass es besser ist, im Zweifelsfall zu viel zu tun. Die EZB hat diesen Standpunkt besonders deutlich zum Ausdruck gebracht. Aber sie sollte die Risiken eines Irrtums nicht unterschätzen, sowohl für die Wirtschaft des Euroraums als auch für ihre eigene Reputation. Und sie könnte sich irren.

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