Wenn wir Krisenländer der menschlichen Entwicklung ermitteln können – die wir „erheblich vom Weg abgekommene Staaten” (SOTCs, severely off-track countries) nennen – sollte uns dies auch dabei helfen, deren Probleme zu lösen. Leider neigen einige Hilfsorganisationen dazu, solche gefährdeten Staaten zu meiden – aus Angst, dort ihre Ressourcen zu verschwenden. Momentan geht weniger als ein Viertel der ortsgebundenen Hilfszahlungen der OECD-Staaten an SOTCs.
Aber die Idee, Schwäche bedeute zwingend auch Scheitern, ist unangemessen. Mit der richtigen Planung ist es möglich, Projekte umzusetzen, die sogar an den gefährlichsten Orten das Leben der Menschen verbessert. Und das Beste ist, dass wir wissen, wo wir anfangen müssen: bei Investitionen in Humankapital und besonders in die Ausbildung.
Laut dem Goalkeepers-Bericht ist die Anzahl der Kinder, die in afrikanische Grundschulen eingeschult werden, von 60 Millionen im Jahr 2000 auf aktuell etwa 250 Millionen gestiegen, und die Wachstumsrate ist bei Jungen und Mädchen gleich. Aber obwohl immer mehr Kinder in den Klassenzimmern sitzen, bleibt die Qualität der Schulen sehr unterschiedlich. Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass alle Kinder – darunter auch Schulkinder aller Klassen – sämtliche Fähigkeiten lernen, die sie brauchen, um Erfolg zu haben.
Um jungen Menschen die besten Entwicklungsmöglichkeiten zu geben, müssen auch die beiden „Buchstützen“ der Grundschule fest verwurzelt sein – frühkindliche Erziehung und weiterführende Ausbildung. Frühkindliche Erziehung bereitet Kinder auf die Grundschule vor, indem sie Zusammenarbeit, Durchhaltevermögen, Selbstkontrolle und andere wichtige Fähigkeiten lehrt. Diese prägenden Jahre sind für die Ausbildung eines Kindes von entscheidender Bedeutung, da laut Daten der UNESCO über die Hälfte der Kinder und Erwachsenen weltweit nie die grundlegenden Fähigkeiten erworben haben, die nötig sind, um sich das ganze Leben weiter fortzubilden.
Am anderen Ende des Spektrums liegt die weiterführende Schulbildung. Sie bereitet die Jugendlichen auf den Arbeitsmarkt vor. Um auf diesem Niveau erfolgreich zu sein, müssen Schüler ein Grundwissen in Lesen, Mathematik und einer Vielzahl nichtkognitiver Fähigkeiten entwickeln. Aber sogar hier sind die Ausbildungsergebnisse enttäuschend. In Ländern mit niedrigem Einkommen erreichen neun von zehn junge Menschen bei vielen wichtigen Fähigkeiten nicht das grundlegende Niveau weiterführender Schulausbildung – darunter Schreiben und Lesen, kritisches Denken, Mathematik und Problemlösung. So sind in Afrika südlich der Sahara schätzungsweise 200 Millionen junge Menschen (etwa 90% der Besucher grundlegender und weiterführender Schulen) nicht in der Lage, einfache Texte zu lesen.
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Entwicklungsexperten wissen, dass eine gute Ausbildung nicht nur das Leben der Schüler verändert, sondern sich auch auf ihre Familien, Gemeinden und Länder auswirkt. Eine Studie von 2008 kam zu dem Ergebnis, dass die Qualität des Ausbildungssystems eines Landes – und die kognitiven Fähigkeiten seiner Absolventen – einen positiven Einfluss auf das Wirtschaftswachstum haben. Diese Tatsache an sich sollte schon ausreichen, gefährdete Staaten und ihre Geldgeber davon zu überzeugen, in einen besseren Zugang zu qualitativ hochwertiger Ausbildung zu investieren.
Aber es gibt noch andere, indirektere Vorteile, insbesondere für Frauen und Mädchen: Erstens werden besser ausgebildete Frauen später schwanger und haben normalerweise kleinere Familien. Entwicklungsexperten, Demographen und Bildungspolitiker haben erkannt, dass in vielen Teilen der Welt die Förderung der Frauen direkt proportional zur Familiengröße ist. Unsere Forschungen ergaben beispielsweise, dass eine Frau, die nicht zur Schule gegangen ist, durchschnittlich vier bis fünf Kinder mehr hat als eine Frau mit mindestens zwölf Jahren Schulausbildung.
Zweitens profitiert auch der Planet von gleichen Ausbildungsmöglichkeiten für Mädchen. Das Internationale Institut für Angewandte Systemanalyse kommt zu dem Ergebnis, dass die Fruchtbarkeitsraten, falls alle Mädchen weltweit eine weiterführende Ausbildung abschließen, fallen würden. Dann würde das Bevölkerungswachstum bis 2045 um bis zu zwei Milliarden Menschen geringer ausfallen, und bis 2100 um über fünf Milliarden. Diese Entschleunigung wäre noch stärker, wenn die weltweit 214 Millionen Frauen, die Schwangerschaften vermeiden wollen, aber keine Verhütungsmittel besorgen können, Zugang zu Familienplanungsdiensten hätten. Dass viele dieser Frauen in Ländern leben, wo weniger Mädchen die Schule besuchen als Jungen, ist dabei kein Zufall.
Insgesamt könnten Schulbesuche und Familienplanung in den nächsten dreißig Jahren zu einer Verringerung der Kohlendioxidemissionen in Höhe von 120 Gigatonnen führen, da weniger Menschen weniger Ressourcen verbrauchen. Dabei überrascht es nicht, dass Umweltschützer wie Paul Hawken die Ausbildung – und insbesondere die Ausbildung von Mädchen – für eine der effektivsten Maßnahmen gegen den weltweiten Klimawandel halten.
Der jährliche Goalkeepers-Bericht ist eine Erinnerung daran, dass Themen wie Geschlechterungleichheit, Unterernährung, Gewalt und politische Instabilität die Ärmsten der Welt noch viele Jahre lang plagen werden. Unter den möglichen Lösungen sind nur wenige so effektiv wie hochwertige Ausbildung. Lenken zerbrechliche Staaten und internationale Geldgeber mehr Ressourcen in die Stärkung der drei Säulen der Ausbildung – Früherziehung, Grundschulen und weiterführende Schulen – könnten die SOTCs der Welt endlich eine Chance haben, wieder in sicheres Fahrwasser zu gelangen.
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Donald Trump’s attempt to reindustrialize the US economy by eliminating trade deficits will undoubtedly cause pain and disruption on a massive scale. But it is important to remember that both major US political parties have abandoned free trade in pursuit of similar goals.
argues that America’s protectionist policies reflect a global economic reordering that was already underway.
Donald Trump and Elon Musk's reign of disruption is crippling research universities’ ability to serve as productive partners in innovation, thus threatening the very system that they purport to celebrate. The Chinese, who are increasingly becoming frontier innovators in their own right, will be forever grateful.
warns that the pillars of US dynamism and competitiveness are being systematically toppled.
WASHINGTON, DC – Ende des Monats wird die Stiftung von Bill und Melinda Gates ihren jährlichen Goalkeeper-Bericht veröffentlichen. Darin werden die Fortschritte in Hinsicht auf die Ziele nachhaltiger Entwicklung der Vereinten Nationen bewertet. Erwartet wird auch eine Prognose, dass im Jahr 2050 fast 90% der weltweiten Armut in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara konzentriert sein wird. In nur zehn Ländern werden dann vermutlich zwei Drittel der ärmsten Menschen der Welt leben.
Wenn wir Krisenländer der menschlichen Entwicklung ermitteln können – die wir „erheblich vom Weg abgekommene Staaten” (SOTCs, severely off-track countries) nennen – sollte uns dies auch dabei helfen, deren Probleme zu lösen. Leider neigen einige Hilfsorganisationen dazu, solche gefährdeten Staaten zu meiden – aus Angst, dort ihre Ressourcen zu verschwenden. Momentan geht weniger als ein Viertel der ortsgebundenen Hilfszahlungen der OECD-Staaten an SOTCs.
Aber die Idee, Schwäche bedeute zwingend auch Scheitern, ist unangemessen. Mit der richtigen Planung ist es möglich, Projekte umzusetzen, die sogar an den gefährlichsten Orten das Leben der Menschen verbessert. Und das Beste ist, dass wir wissen, wo wir anfangen müssen: bei Investitionen in Humankapital und besonders in die Ausbildung.
Laut dem Goalkeepers-Bericht ist die Anzahl der Kinder, die in afrikanische Grundschulen eingeschult werden, von 60 Millionen im Jahr 2000 auf aktuell etwa 250 Millionen gestiegen, und die Wachstumsrate ist bei Jungen und Mädchen gleich. Aber obwohl immer mehr Kinder in den Klassenzimmern sitzen, bleibt die Qualität der Schulen sehr unterschiedlich. Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass alle Kinder – darunter auch Schulkinder aller Klassen – sämtliche Fähigkeiten lernen, die sie brauchen, um Erfolg zu haben.
Um jungen Menschen die besten Entwicklungsmöglichkeiten zu geben, müssen auch die beiden „Buchstützen“ der Grundschule fest verwurzelt sein – frühkindliche Erziehung und weiterführende Ausbildung. Frühkindliche Erziehung bereitet Kinder auf die Grundschule vor, indem sie Zusammenarbeit, Durchhaltevermögen, Selbstkontrolle und andere wichtige Fähigkeiten lehrt. Diese prägenden Jahre sind für die Ausbildung eines Kindes von entscheidender Bedeutung, da laut Daten der UNESCO über die Hälfte der Kinder und Erwachsenen weltweit nie die grundlegenden Fähigkeiten erworben haben, die nötig sind, um sich das ganze Leben weiter fortzubilden.
Am anderen Ende des Spektrums liegt die weiterführende Schulbildung. Sie bereitet die Jugendlichen auf den Arbeitsmarkt vor. Um auf diesem Niveau erfolgreich zu sein, müssen Schüler ein Grundwissen in Lesen, Mathematik und einer Vielzahl nichtkognitiver Fähigkeiten entwickeln. Aber sogar hier sind die Ausbildungsergebnisse enttäuschend. In Ländern mit niedrigem Einkommen erreichen neun von zehn junge Menschen bei vielen wichtigen Fähigkeiten nicht das grundlegende Niveau weiterführender Schulausbildung – darunter Schreiben und Lesen, kritisches Denken, Mathematik und Problemlösung. So sind in Afrika südlich der Sahara schätzungsweise 200 Millionen junge Menschen (etwa 90% der Besucher grundlegender und weiterführender Schulen) nicht in der Lage, einfache Texte zu lesen.
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Entwicklungsexperten wissen, dass eine gute Ausbildung nicht nur das Leben der Schüler verändert, sondern sich auch auf ihre Familien, Gemeinden und Länder auswirkt. Eine Studie von 2008 kam zu dem Ergebnis, dass die Qualität des Ausbildungssystems eines Landes – und die kognitiven Fähigkeiten seiner Absolventen – einen positiven Einfluss auf das Wirtschaftswachstum haben. Diese Tatsache an sich sollte schon ausreichen, gefährdete Staaten und ihre Geldgeber davon zu überzeugen, in einen besseren Zugang zu qualitativ hochwertiger Ausbildung zu investieren.
Aber es gibt noch andere, indirektere Vorteile, insbesondere für Frauen und Mädchen: Erstens werden besser ausgebildete Frauen später schwanger und haben normalerweise kleinere Familien. Entwicklungsexperten, Demographen und Bildungspolitiker haben erkannt, dass in vielen Teilen der Welt die Förderung der Frauen direkt proportional zur Familiengröße ist. Unsere Forschungen ergaben beispielsweise, dass eine Frau, die nicht zur Schule gegangen ist, durchschnittlich vier bis fünf Kinder mehr hat als eine Frau mit mindestens zwölf Jahren Schulausbildung.
Zweitens profitiert auch der Planet von gleichen Ausbildungsmöglichkeiten für Mädchen. Das Internationale Institut für Angewandte Systemanalyse kommt zu dem Ergebnis, dass die Fruchtbarkeitsraten, falls alle Mädchen weltweit eine weiterführende Ausbildung abschließen, fallen würden. Dann würde das Bevölkerungswachstum bis 2045 um bis zu zwei Milliarden Menschen geringer ausfallen, und bis 2100 um über fünf Milliarden. Diese Entschleunigung wäre noch stärker, wenn die weltweit 214 Millionen Frauen, die Schwangerschaften vermeiden wollen, aber keine Verhütungsmittel besorgen können, Zugang zu Familienplanungsdiensten hätten. Dass viele dieser Frauen in Ländern leben, wo weniger Mädchen die Schule besuchen als Jungen, ist dabei kein Zufall.
Insgesamt könnten Schulbesuche und Familienplanung in den nächsten dreißig Jahren zu einer Verringerung der Kohlendioxidemissionen in Höhe von 120 Gigatonnen führen, da weniger Menschen weniger Ressourcen verbrauchen. Dabei überrascht es nicht, dass Umweltschützer wie Paul Hawken die Ausbildung – und insbesondere die Ausbildung von Mädchen – für eine der effektivsten Maßnahmen gegen den weltweiten Klimawandel halten.
Der jährliche Goalkeepers-Bericht ist eine Erinnerung daran, dass Themen wie Geschlechterungleichheit, Unterernährung, Gewalt und politische Instabilität die Ärmsten der Welt noch viele Jahre lang plagen werden. Unter den möglichen Lösungen sind nur wenige so effektiv wie hochwertige Ausbildung. Lenken zerbrechliche Staaten und internationale Geldgeber mehr Ressourcen in die Stärkung der drei Säulen der Ausbildung – Früherziehung, Grundschulen und weiterführende Schulen – könnten die SOTCs der Welt endlich eine Chance haben, wieder in sicheres Fahrwasser zu gelangen.
Aus dem Englischen von Harald Eckhoff