BERKELEY/CHICAGO – Dass jetzt auch US-Präsident Joe Biden die Forderung unterstützt, die Patentrechte an den Coronaimpfstoffen freizugeben, zeigt, wie laut der Ruf nach globaler Impfgerechtigkeit geworden ist. Die Armen dieser Welt leiden aber noch unter vielen anderen vermeidbaren und heilbaren Krankheiten, die schwere soziale und wirtschaftliche Schäden verursachen.
Vernachlässigte Krankheiten wie Elephantiasis, Trachome, Flussblindheit und Wurmerkrankungen kommen in Industrieländern praktisch nicht vor. Bei Menschen in extremer Armut gehören sie jedoch zu den häufigsten Infektionskrankheiten. Jedes Jahr erkranken weltweit rund eine Milliarde Menschen, von denen 750 Millionen unterhalb der von der Weltbank festgelegten Armutsgrenze von 1,90 US-Dollar pro Tag leben.
Das Leid der Betroffenen ist oft extrem. Die Erkrankungen verursachen schwere Schmerzen und anhaltende Behinderungen, die oft mit sozialer Stigmatisierung einhergehen Bei Kindern unterbrechen Infektionen den Bildungsweg, verursachen Mangelernährung und hemmen kognitive Entwicklung und Wachstum. Und weil Bildung und Beschäftigung unmöglich werden, bleiben die Betroffenen in der Armut gefangen.
Pro Jahr gehen fast 17 Millionen gesunde Lebensjahr durch diese vernachlässigten Erkrankungen verloren, obwohl sie in den meisten Fällen vermeidbar wären und viele davon mit ein paar einfachen Pillen behandelbar sind. Die flächendeckende Versorgung mit entsprechenden Arzneimitteln hätte neben dem offensichtlichen gesundheitlichen und humanitären Nutzen auch eine äußerst hohe und langfristige soziale und wirtschaftliche Dividende.
Nehmen wir Wurmerkrankungen, die am weitesten verbreiteten dieser Krankheiten, die außerdem besonders gut behandelt werden können. Seit 1998 analysieren wir ein staatliches Gesundheitsprogramm, bei dem zehntausende Grundschulkinder in Kenia gegen Wurmerkrankungen behandelt werden. In einer randomisierten kontrollierten Studie konnten wir den Erfolg des Programms zuverlässig messen, indem wir Schulen, in denen die Behandlung durchgeführt wurde, mit ansonsten identischen Schulen ohne Behandlung verglichen.
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In den Schulen mit Behandlung konnten wir feststellen, dass die Kinder gesünder waren und wesentlich häufiger am Unterricht teilnahmen. Wir wählten eine repräsentative Gruppe von mehreren tausend Schulkindern aus und verfolgten ihren Lebensweg über zwei Jahrzehnte. Ungefähr alle fünf Jahre erfasste das Forschungsteam mit Hilfe von Befragungen Daten zu Einkommen und Lebensstandard, Wohnbedingungen und anderen Aspekten ihres Lebens.
Die Ergebnisse dieses außergewöhnlich langen Datensatzes sind eindrucksvoll. Zwanzig Jahre später melden die Teilnehmer, die in der Schule zusätzliche Wurmkuren bekommen haben und jetzt in ihren späten Zwanzigern und frühen Dreißigern sind, um 13 % höhere Stundenlöhne und um 14 % höhere Ausgaben für Konsumgüter als die Kontrollgruppe. Außerdem leben sie häufiger in Nairobi und anderen Großstädten, die bessere wirtschaftliche Chancen bieten.
Wenn man bedenkt, dass eine Wurmkur im Rahmen eines umfassenden Programms pro Kind und Jahr nur rund 0,50 US-Dollar kostet, bringt diese Investition in die Gesundheit von Kindern eine astronomische Rendite und macht sich hundertfach bezahlt. Glücklicherweise haben das auch die Regierungen in Indien, Kenia, Nigeria, Äthiopien und Pakistan erkannt und gemeinsam mit Nichtregierungsorganisationen Programme aufgelegt, mit denen derzeit mehr als 280 Millionen Kinder jährlich entwurmt werden. Trotzdem bleibt noch viel zu tun, um die fast 600 Millionen Kindern zu erreichen, die jedes Jahr von Wurmerkrankungen bedroht sind.
Dasselbe gilt für die vernachlässigten Krankheiten insgesamt. In den letzten zwei Jahrzehnten haben Regierungen, gemeinnützige Organisationen und staatliche und private Spender im Kampf gegen diese Krankheiten mit Hilfe extrem billiger, kosteneffizienter Therapien enorme Fortschritte erzielt. Dadurch sind wir so nahe daran, diese Krankheiten zu besiegen, wie nie zuvor. Noch aber haben wir es nicht geschafft.
Deshalb müssten wir gerade jetzt, wo die Coronapandemie noch mehr Menschen weltweit in die Armut treibt und ihr Risiko, schwer zu erkranken erhöht, unsere Anstrengungen im Kampf gegen vernachlässigte Erkrankungen verdoppeln. In Zeiten von stärkerem Wettbewerb um knappere Haushaltsmittel verliert dieser Prozess jedoch an Schwung – oder gerät sogar in den Rückwärtsgang.
Die britische Regierung, die bei innovativen Entwicklungshilfeprogrammen weltweit führend ist, hat neulich angekündigt, 90 Prozent ihrer Mittel für vernachlässigte Krankheiten zu kürzen. Aufgrund dieser Entscheidung werden Millionen Menschen nicht behandelt werden und viele Arzneimittel, die bereits vor Ort sind, werden ungenutzt ablaufen, weil die Mittel für ihre Verteilung fehlen. Für die am stärksten gefährdeten Menschen hat das katastrophale Folgen.
Deshalb fordern wir die britische Regierung auf, ihre Entscheidung nochmals zu überdenken, und bitten alle anderen Regierungen, diese Finanzierungslücken zu schließen. Maßnahmen zur Bekämpfung vernachlässigter Erkrankungen sind äußerst wirksame staatliche Investitionen in die globale Gesundheit – insbesondere in Zeiten, in denen Armut und Krankheiten auf dem Vormarsch sind. Um das Leid, das diese Krankheiten verursachen, zu beenden und die Ärmsten zu schützen, dürfen wir vernachlässigte Erkrankungen nicht länger vernachlässigen.
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Donald Trump and Elon Musk's reign of disruption is crippling research universities’ ability to serve as productive partners in innovation, thus threatening the very system that they purport to celebrate. The Chinese, who are increasingly becoming frontier innovators in their own right, will be forever grateful.
warns that the pillars of US dynamism and competitiveness are being systematically toppled.
US Treasury Secretary Scott Bessent’s defense of President Donald Trump’s trade tariffs as a step toward “rebalancing” the US economy misses the point. While some economies, like China and Germany, need to increase domestic spending, the US needs to increase national saving.
thinks US Treasury Secretary Scott Bessent is neglecting the need for spending cuts in major federal programs.
BERKELEY/CHICAGO – Dass jetzt auch US-Präsident Joe Biden die Forderung unterstützt, die Patentrechte an den Coronaimpfstoffen freizugeben, zeigt, wie laut der Ruf nach globaler Impfgerechtigkeit geworden ist. Die Armen dieser Welt leiden aber noch unter vielen anderen vermeidbaren und heilbaren Krankheiten, die schwere soziale und wirtschaftliche Schäden verursachen.
Vernachlässigte Krankheiten wie Elephantiasis, Trachome, Flussblindheit und Wurmerkrankungen kommen in Industrieländern praktisch nicht vor. Bei Menschen in extremer Armut gehören sie jedoch zu den häufigsten Infektionskrankheiten. Jedes Jahr erkranken weltweit rund eine Milliarde Menschen, von denen 750 Millionen unterhalb der von der Weltbank festgelegten Armutsgrenze von 1,90 US-Dollar pro Tag leben.
Das Leid der Betroffenen ist oft extrem. Die Erkrankungen verursachen schwere Schmerzen und anhaltende Behinderungen, die oft mit sozialer Stigmatisierung einhergehen Bei Kindern unterbrechen Infektionen den Bildungsweg, verursachen Mangelernährung und hemmen kognitive Entwicklung und Wachstum. Und weil Bildung und Beschäftigung unmöglich werden, bleiben die Betroffenen in der Armut gefangen.
Pro Jahr gehen fast 17 Millionen gesunde Lebensjahr durch diese vernachlässigten Erkrankungen verloren, obwohl sie in den meisten Fällen vermeidbar wären und viele davon mit ein paar einfachen Pillen behandelbar sind. Die flächendeckende Versorgung mit entsprechenden Arzneimitteln hätte neben dem offensichtlichen gesundheitlichen und humanitären Nutzen auch eine äußerst hohe und langfristige soziale und wirtschaftliche Dividende.
Nehmen wir Wurmerkrankungen, die am weitesten verbreiteten dieser Krankheiten, die außerdem besonders gut behandelt werden können. Seit 1998 analysieren wir ein staatliches Gesundheitsprogramm, bei dem zehntausende Grundschulkinder in Kenia gegen Wurmerkrankungen behandelt werden. In einer randomisierten kontrollierten Studie konnten wir den Erfolg des Programms zuverlässig messen, indem wir Schulen, in denen die Behandlung durchgeführt wurde, mit ansonsten identischen Schulen ohne Behandlung verglichen.
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In den Schulen mit Behandlung konnten wir feststellen, dass die Kinder gesünder waren und wesentlich häufiger am Unterricht teilnahmen. Wir wählten eine repräsentative Gruppe von mehreren tausend Schulkindern aus und verfolgten ihren Lebensweg über zwei Jahrzehnte. Ungefähr alle fünf Jahre erfasste das Forschungsteam mit Hilfe von Befragungen Daten zu Einkommen und Lebensstandard, Wohnbedingungen und anderen Aspekten ihres Lebens.
Die Ergebnisse dieses außergewöhnlich langen Datensatzes sind eindrucksvoll. Zwanzig Jahre später melden die Teilnehmer, die in der Schule zusätzliche Wurmkuren bekommen haben und jetzt in ihren späten Zwanzigern und frühen Dreißigern sind, um 13 % höhere Stundenlöhne und um 14 % höhere Ausgaben für Konsumgüter als die Kontrollgruppe. Außerdem leben sie häufiger in Nairobi und anderen Großstädten, die bessere wirtschaftliche Chancen bieten.
Wenn man bedenkt, dass eine Wurmkur im Rahmen eines umfassenden Programms pro Kind und Jahr nur rund 0,50 US-Dollar kostet, bringt diese Investition in die Gesundheit von Kindern eine astronomische Rendite und macht sich hundertfach bezahlt. Glücklicherweise haben das auch die Regierungen in Indien, Kenia, Nigeria, Äthiopien und Pakistan erkannt und gemeinsam mit Nichtregierungsorganisationen Programme aufgelegt, mit denen derzeit mehr als 280 Millionen Kinder jährlich entwurmt werden. Trotzdem bleibt noch viel zu tun, um die fast 600 Millionen Kindern zu erreichen, die jedes Jahr von Wurmerkrankungen bedroht sind.
Dasselbe gilt für die vernachlässigten Krankheiten insgesamt. In den letzten zwei Jahrzehnten haben Regierungen, gemeinnützige Organisationen und staatliche und private Spender im Kampf gegen diese Krankheiten mit Hilfe extrem billiger, kosteneffizienter Therapien enorme Fortschritte erzielt. Dadurch sind wir so nahe daran, diese Krankheiten zu besiegen, wie nie zuvor. Noch aber haben wir es nicht geschafft.
Deshalb müssten wir gerade jetzt, wo die Coronapandemie noch mehr Menschen weltweit in die Armut treibt und ihr Risiko, schwer zu erkranken erhöht, unsere Anstrengungen im Kampf gegen vernachlässigte Erkrankungen verdoppeln. In Zeiten von stärkerem Wettbewerb um knappere Haushaltsmittel verliert dieser Prozess jedoch an Schwung – oder gerät sogar in den Rückwärtsgang.
Die britische Regierung, die bei innovativen Entwicklungshilfeprogrammen weltweit führend ist, hat neulich angekündigt, 90 Prozent ihrer Mittel für vernachlässigte Krankheiten zu kürzen. Aufgrund dieser Entscheidung werden Millionen Menschen nicht behandelt werden und viele Arzneimittel, die bereits vor Ort sind, werden ungenutzt ablaufen, weil die Mittel für ihre Verteilung fehlen. Für die am stärksten gefährdeten Menschen hat das katastrophale Folgen.
Deshalb fordern wir die britische Regierung auf, ihre Entscheidung nochmals zu überdenken, und bitten alle anderen Regierungen, diese Finanzierungslücken zu schließen. Maßnahmen zur Bekämpfung vernachlässigter Erkrankungen sind äußerst wirksame staatliche Investitionen in die globale Gesundheit – insbesondere in Zeiten, in denen Armut und Krankheiten auf dem Vormarsch sind. Um das Leid, das diese Krankheiten verursachen, zu beenden und die Ärmsten zu schützen, dürfen wir vernachlässigte Erkrankungen nicht länger vernachlässigen.