berkley9_JEAN-PHILIPPE KSIAZEKAFP via Getty Images_coronavirusvaccinevials Jean-Philippe Ksiazek/AFP via Getty Images

Der schnellste Weg aus der Pandemie

GENF – Jeden Tag kostet die COVID-19-Pandemie die Welt Tausende Leben und Milliarden von Dollar. Der effizienteste Weg, diese Krise – möglicherweise schon nächstes Jahr – zu einem Ende zu bringen, ist ein sicherer und effektiver Impfstoff, der in großen Mengen hergestellt und weltweit verteilt wird. Um unnötige Verzögerungen zu vermeiden, müssen die Regierungen die Zeit, in der Forscher an der Entwicklung der richtigen Formel arbeiten, dazu nutzen, die Voraussetzungen für eine schnelle Produktion und eine großflächige, gleichberechtigte Verteilung zu schaffen.

Dies ist das Prinzip hinter dem Projekt COVID-19 Vaccine Global Access (COVAX). Diese innovative Plattform wurde von der Impfallianz Gavi, der Weltgesundheitsorganisation und der Gesundheitsallianz CEPI (Coalition for Epidemic Preparedness Innovations) entwickelt und zielt darauf ab, bis Ende 2021 mindestens zwei Billionen COVID-19-Impfstoffeinheiten in Umlauf zu bringen.

Diese Menge, die unter den teilnehmenden Ländern, unabhängig von ihrer Zahlungskraft, gleichberechtigt verteilt wird, reicht dort für etwa 20% der Bevölkerung. Dies wäre genug, um besonders gefährdete Menschen und das Gesundheitspersonal in aller Welt zu schützen. (Außerdem würden zusätzliche Mengen gelagert, mit denen zukünftige Ausbrüche bewältigt werden können, bevor sie außer Kontrolle geraten.)

Momentan sind über 160 Impfstoffkandidaten in vorklinischer oder klinischer Entwicklung. Welche von ihnen die klinischen Tests bestehen und lizenziert werden können, ist noch völlig offen, da die Fehlschlagquoten von Impfstoffen im frühen Entwicklungsstadium sehr hoch sind. Aber wir können dafür sorgen, dass zu dem Zeitpunkt, wenn ein Impfstoff genehmigt wird, bereits ein effektives System zu seiner Herstellung und Verteilung besteht. Dazu müssen die Regierungen so bald wie möglich in COVAX investieren.

Das Problem ist, dass die Staaten eine Zusammenarbeit vermeiden könnten, um direkt mit den Impfstoffherstellern zu verhandeln und sich so die benötigte Menge zu sichern. Ja, die Regierungen sind dazu verpflichtet, in erster Linie ihre eigenen Bürger zu schützen. Aber dieser nationale Ansatz birgt erhebliche Risiken – beginnend mit der Möglichkeit, dass eine Regierung die falschen Impfstoffe unterstützen könnte.

Selbst wenn sich ein Land genug von einem wirksamen Impfstoff für seine eigene Bevölkerung sichert, wären einige seiner Bürger – wie jene, die ein geschwächtes Immunsystem haben und sich nicht impfen lassen können – weiterhin gefährdet, wenn andere Länder nicht genug davon bekommen. Und dazu kommt noch der moralische Imperativ, dass Menschen nicht vom Zugang zu lebensrettenden Medikamenten ausgeschlossen werden dürfen.

Introductory Offer: Save 30% on PS Digital
PS_Digital_1333x1000_Intro-Offer1

Introductory Offer: Save 30% on PS Digital

Access every new PS commentary, our entire On Point suite of subscriber-exclusive content – including Longer Reads, Insider Interviews, Big Picture/Big Question, and Say More – and the full PS archive.

Subscribe Now

Während der Schweinegrippepandemie von 2009 teilten einige Länder den Impfstoffmarkt unter sich auf, und die überwiegende Mehrheit der Weltbevölkerung musste auf Impfungen verzichten, bis der Ausbruch so gut wie vorbei war. Dieses Szenario muss in der momentanen Krise um jeden Preis verhindert werden – nicht zuletzt deshalb, weil COVID-19 eine viel höhere Infektions- und Sterblichkeitsrate hat.

Arbeiten die Regierungen mit globalen Gesundheitsorganisationen wie COVAX zusammen, können sie dafür sorgen, dass jeder den gleichen Zugang zu COVID-19-Impfstoffen hat. Ländern, die bilaterale Abkommen mit Herstellern geschlossen haben, dient COVAX als eine Art Versicherung für den Fall, dass sie auf die falschen Kandidaten gesetzt haben. Und für jene, die keine solche Abkommen haben, also die überwiegende Mehrheit, ist COVAX der einzige Weg, um nicht außen vor zu bleiben.

COVAX gewährleistet, dass Nutzen und Risiken der Impfstoffentwicklung allgemein verteilt werden. Mit dem größten Portfolio von Impfstoffkandidaten weltweit bietet es den teilnehmenden Regierungen die besten Chancen auf einen sicheren und effektiven Impfstoff, sobald er verfügbar wird – und sorgt dafür, dass dieser Moment viel früher eintritt.

Müssen die Pharmaunternehmen die finanziellen Risiken vollständig selbst übernehmen, werden sie nur dann in eine Massenproduktion investieren, wenn der Impfstoff die klinischen Versuche bestanden hat und genehmigt wird. Unter geschäftlichen Gesichtspunkten ist dies sinnvoll, aber nicht angesichts der sich schnell ausbreitenden Pandemie.

COVAX verfolgt einen völlig anderen Ansatz: Zusätzlich zur „Anschubfinanzierung“ – also direkten Investitionen in Forschung, Entwicklung und Produktion – verwendet die Organisation eine „Zugfinanzierung“ in Form der Verpflichtung zum Kauf einer großen Menge von Impfstoff zu dem Zeitpunkt, wenn er lizenziert wird. Dies gibt dem privaten Sektor einen enormen Anreiz, dringende Impfstoffentwicklungen zu unterstützen.

Darüber hinaus fasst COVAX staatliche Ressourcen zusammen, um noch vor dem Ende der klinischen Versuche die Massenproduktion der vielversprechendsten Kandidaten zu finanzieren. So sind bei der Genehmigung bereits große Mengen Impfstoff verfügbar. Bereits jetzt arbeitet die WHO mit vielen Akteuren wie Mitgliedstaaten oder zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammen, um einen Mechanismus für die gleichberechtigte und faire Zuweisung von Impfstoffen zu entwickeln und einzuführen.

COVAX wird nur Impfstoffkandidaten unterstützen, die in Einklang mit den höchstmöglichen Sicherheitsstandards entwickelt wurden. Indem die Organisation mit Experten in aller Welt zusammenarbeitet, um Zielproduktprofile zu entwickeln, aktuelle Testmodelle zu teilen, länderübergreifende klinische Versuche zu fördern und die Regeln zu harmonisieren, wird sie einen neuen Maßstab für die schnelle, sicherere und wirksame Entwicklung und Verteilung setzen.

Wir können nicht zulassen, dass unsere Volkswirtschaften so weiter machen wie bisher. Das sinkende BIP – der Internationale Währungsfonds und die Weltbank sagen für 2020 einen Rückgang von etwa 5% voraus – führt dazu, dass Armut und Hunger schnell steigen. Angesichts dessen, dass die Weltwirtschaft momentan jeden Tag über zehn Milliarden Dollar verliert, könnte allein die Verkürzung der Pandemie um ein paar Tage die Kosten für COVAX bereits mehr als ausgleichen. Weltweite Zusammenarbeit – bei der Nutzen und Risiken fair geteilt werden – hat sich noch nie so sehr gelohnt wie heute.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

https://prosyn.org/q5yCut4de