ndopu1_Chris JacksonGetty Images_un high commissioner disabilities Chris Jackson/Getty Images

Menschenrechte ohne Behinderungen

NEW YORK – Als die Vereinten Nationen aus dem Schutt des Zweiten Weltkriegs entstanden, wäre es für jemanden wie mich – einen jungen, schwarzen, schwulen Rollstuhlfahrer – undenkbar gewesen, dort für eine Führungsposition in Frage zu kommen. Also ist es ein erstaunlicher Beleg für die Weiterentwicklung der Menschheit seit 1945, dass ich dort zu den Kandidaten für die Nachfolge von Michelle Bachelet zähle, die im nächsten Monat ihr Amt als Hohe UN-Kommissarin für Menschenrechte abgibt.

Würde ich ausgewählt, wäre ich der hochrangigste internationale Beamte mit einer Behinderung seit der Gründung der UN. Dies wäre ein historischer Sieg für die 1,3 Milliarden behinderten Menschen, die laut der UN die weltweit größte Minderheitengruppe darstellen.

Das 2007 unterzeichnete UN-Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen hat dazu beigetragen, die allgemeine Inklusion zu fördern. Aber dass sich jemand im Rollstuhl in einer Machtposition befindet, ist immer noch ziemlich unüblich. Und in vielen Teilen der Welt ist ein dunkelhäutiges behindertes Kind immer noch ein Sinnbild für gesellschaftliche Isolierung.

Dieses Kind hätte ich sein können. Aber man könnte sagen, dass meine Karriere als Fürsprecher der Menschenrechte im Alter von sechs Jahren begann, als ich – mit Tränen im Gesicht – zu meiner Mutter sagte: „Ich will zur Schule gehen!“

In Namibia, wo ich die ersten neun Jahre meines Lebens verbracht habe, ist das Leben für ein Kind im Rollstuhl häufig extrem eingeschränkt – wie in fast allen Entwicklungs- und Schwellenländern. Laut der UN haben 90-98% der Kinder mit Behinderungen im Globalen Süden keinerlei Möglichkeit, zur Schule zu gehen.

Damals war schon mein Überleben sehr unwahrscheinlich. Als Zweijähriger wurde ich mit spinaler Muskelatrophie diagnostiziert, einer tödlichen degenerativen Krankheit, die das Nervensystem angreift. Ärzte erklärten meiner Mutter, ich würde wahrscheinlich meinen fünften Geburtstag nicht erleben. Heute bin ich 31.

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Meine Mutter wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und blieb entschlossen: Sie fand eine Schule, die bereit war, mich aufzunehmen. An meinem ersten Tag dort wurde ich in die letzte Bank des Klassenzimmers gesetzt. Es war klar, dass man von mir nicht viel erwartete. Ich versetzte meine Lehrerin in Erstaunen, indem ich meinen eigenen Namen schrieb – was die meisten anderen Kinder nicht konnten. Sie lächelte, als sie erkannte, dass ich genauso gut oder gar schneller lernen konnte als die anderen.

Aus dieser Erfahrung lernte ich, ungeachtet meiner Hindernisse nach den Sternen zu greifen. Meine Kandidatur für die Nachfolge von Bachelet scheint die Grenzen des Möglichen zu sprengen – nicht nur für Menschen mit Behinderungen, sondern für alle, die sich jemals abgewertet, unterschätzt und marginalisiert gefühlt haben.

Würde ich ausgewählt, wäre ich die jüngste Führungskraft auf der UN-Hauptleitungsebene. Angesichts dessen, dass der jüngeren Generation die Zukunft gehört, betonen die UN häufig die Notwendigkeit, junge Menschen einzustellen. Aber trotzdem sind wir in dieser Institution kaum repräsentiert. Die Wahl einer jungen Führungskraft für diese Stelle würde der Arbeit des Hohen UN-Kommissariats neuen Schwung und neue Autorität geben.

Menschenrechte für alle scheinen häufig ein unmögliches Ziel zu sein – insbesondere momentan, wo sich alles unmöglich anfühlt. Aber, wie Nelson Mandela sagte, scheint es immer unmöglich zu sein, bis es dann getan wird.

An diese Worte musste ich vor einiger Zeit denken, als ich noch für Amnesty International arbeitete und die unmögliche Mission hatte, zwei Gruppen zusammen zu bringen, die dafür bekannt waren, sich gegenseitig zu misstrauen: Unternehmensleiter und Verteidiger der Menschenrechte. Ich habe sie – im Rahmen einer Kampagne, um die Rohstoffindustrie für Menschenrechtsverletzungen in Afrika zur Verantwortung zu ziehen – davon überzeugt, sich gegenseitig zuzuhören.

In einer Zeit, in der die Welt zunehmend gespalten ist und keiner dem anderen mehr zuzuhören scheint, glaube ich, dass die Hohe UN-Kommission für Menschenrechte auf einzigartige Weise dafür qualifiziert ist, die dringendsten Herausforderungen unserer Tage zu bewältigen. Erstmals seit 2001 lebt die Mehrheit der Weltbevölkerung in Ländern mit undemokratischen Regierungen, die die Menschenrechte verletzen. Heute leiden wir unter zunehmendem Nationalismus, einer immer schlimmeren Wirtschaftskrise und einer globalen Pandemie – einer Gesundheitskrise, die viel zu viele Regierungen dazu genutzt haben, Notstandsgesetze und Einschränkungen zu verhängen, die häufig die Grundrechte verletzen. Und auch die Konflikte in der Ukraine, in der Sahelzone, in Myanmar und an vielen anderen Orten bringen ihre eigenen Menschenrechtsprobleme mit sich.

Das Hohe UN-Kommissariat spielt in Zeiten wie dieser eine entscheidende Rolle und dient als Leuchtfeuer für die Prinzipien der Menschenrechte. Es vertritt diejenigen, die mutig ihre Stimme erheben, wenn sie weltweit Verletzungen der Grundrechte anprangern. Wie UN-Generalsekretär António Guterres sagte, sind die Menschenrechte die Grundlage für das „gesamte System der UN. [Sie] sind entscheidend dafür, die allgemeinen Ursachen und Folgen aller komplexer Krisen zu bewältigen und nachhaltige, sichere und friedliche Gesellschaften aufzubauen.“

Sollte mich der Generalsekretär für diese Rolle auswählen, wäre es meine Aufgabe, unermüdlich Rechtsverletzungen aufzuspüren und offen zu legen – unabhängig davon, welche mächtigen Interessen im Weg stehen. Außerdem würde ich mit Vertretern der Zivilgesellschaft zusammen arbeiten, um mehr Mitbestimmung in die Arbeit der UN zu bringen – und sie dazu zu befähigen, Veränderungen zu bewirken.

Zugegebenermaßen bin ich für diese Position ein Außenseiter – eine unmögliche Wahl, wie manche sagen könnten. Aber ich glaube, dass – insbesondere in diesen Zeiten – frisches Denken, neue Energie und die Fähigkeit, scheinbar unmögliche Hindernisse zu überwinden, genau das ist, was die Welt braucht.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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